Encomium For A Dream
La Science des rêves
Regie: Michel Gondry
Darsteller: Gael García Bernal, Charlotte Gainsbourg
The Science of Sleep - Anleitung zum Träumen bei IMDb
Anspruchsvolle Kinogänger haben es nicht leicht dieser Tage. Während Parfüm und Sommermärchen die Massen in die Kinos ziehen wie lange nicht mehr, schleichen sich fast unmerklich ein paar wirklich interesssante Filme in die Kinoprogramme und machen den Monat Oktober zum bisher vielversprechendsten Kinomonat des Jahres. Einer dieser interessanten, aber wenig beachteten Filme ist Michel Gondrys neue Low Budget Perle.
Gondry dürfte den meisten sicherlich noch durch
Eternal Sunshine of the Spotless Mind (zu deutsch: Vergiss mein nicht) in Erinnerung geblieben sein. Der Film mit Jim Carey und Kate Winslet nach einem Drehbuch von Charlie "Being John Malkovich" Kaufman und Gondry himself machte den Franzosen internationalen Kinogängern bekannt.
MTV-Gucker kennen ihn dagegen schon etwas länger, zumindest wenn sie sich neben den Charts auch öfter das anspruchsvollere Nachtprogramm ansehen: Gondry hat zahlreiche Videos inszeniert, unter anderem für Björk (Bachelorette, Hyperballad, Human Behavior, etc), The White Stripes (Fell In Love With A Girl, Hardest Button To Button, etc.) und sogar Kylie Minogue (Come Into My World). Gondrys Clips gehören zweifellos zum Interessantesten was die Videoclipszene zu bieten hat und bestechen durch eine schier unglaubliche Detailverliebtheit und ein kaum zu fassendes Maß an Kreativität. Gondry scheut keinen Aufwand, ob es nun um komplizierte Special Effects und Schnitte geht, oder darum ein Video komplett aus Legosteinen aufzubauen, der Franzose ist sich für nichts zu schade.
Soviel handwerklicher Fleiss bleibt natürlich nicht unbeachtet und so kann man Gondrys Clips seit einigen Jahren auch gesammelt auf DVD erstehen, in der renommierten "The Work of Director..."-Reihe wo er neben Größen wie Chris Cunningham oder Spike Jonze in bester Gesellschaft ist.
Science des rêves ist Gondrys dritter Langfilm fürs Kino und der erste der komplett in Frankreich produziert wurde. Somit ist das Budget auch diesmal sehr viel niedriger als noch bei Eternal Sunshine, aber nicht dass das Gondry groß stören würde. Selten kamen Special Effects Fans so auf ihre Kosten wie hier. Was der junge Franzose mit dem kargen Budget alles anstellt ist schlicht grandios. Zwar sind die Spezialeffekte weitgehend Old School, die dominierenden Techniken sind Rückprojektion und Stop Motion Animation, dafür ist die Fantasie mit der der Regisseur aus der Not des knappen Budgets eine Tugend macht wirklich eindrucksvoll. Wer sich auch nur ansatzweise dafür interessiert wie Special Effects im Film funktionieren kommt um Science eigentlich nicht herum.
Und auch sonst besticht der Film vor Allem durch handwerkliche Finesse: Die Handkamera stellt auch Leute die bei Dogma Filmen grundsätzlich Kopfschmerzen kriegen zufrieden und der Schnitt weiss gekonnt über die Tatsache hinwegzutäuschen, das meist nur eine einzige Kamera im Einsatz war. Der Soundtrack ist wie erwartet kein Original Score, aber durchaus hörenswert.
Aber kommen wir endlich zum Entscheidenden: Worum gehts in diesem Film überhaupt?
Gondry erzählt die Geschichte des jungen Mexikaners Stéphane der nach Paris kommt um eine Stelle als Grafikdesigner für Kalender anzutreten. Die Arbeit entpuppt sich als billiger Trick der Mutter den Jungen nach Frankreich zu locken, aber die Bekanntschaft mit der neuen Nachbarin Stéphanie (die Namensgebung ist definitiv keine Stärke des Films

) hilft ihm alsbald über diesen Schock hinweg. Soweit klingt das nach einer ganz gewöhnlichen 08/15 Liebesgeschichte, aber die Sache hat einen Haken: Stéphane ist ein notorischer Träumer und eigentlich viel zu verstört um ernsthaft an eine Beziehung denken zu können. So flüchtet er sich denn auch ständig in konfuse Tagträume, was seinem Verhältnis zu Stéphanie erwartungsgemäß nicht sehr zugute kommt.
In diesen Tagträumen liegt dann auch der eigentliche Reiz des Films. Stéphane kann keine klare Unterscheidung treffen zwischen Traum und Wirklichkeit und stolpert so von einer surreal absurden Situation in die nächste. Dabei erinnert Gondry stilistisch stark an den jungen Terry Gilliam. Wer also den Humor der alten Flying Circus Cartoons mochte, wird mit Science sicher einen Riesenspaß haben.
Dank der sympathischen Darsteller, allen voran natürlich Gael García Bernal (La mala Educaciòn) und Serge Gainsbourgs Tochter Charlotte, die Fans des französischen Films ohnehin ein Begriff sein dürfte, geben der ungewöhnlichen Geschichte ein Gesicht.
Die einzige wirkliche Schwäche des Films ist wohl das Script. So beeindruckend die Bilder auch sind, das Storytelling lahmt. Die Geschichte entwickelt sich zuweilen etwas holprig und das Ende kommt allzu abrupt. Darüberhinaus ist Erfahrung mit europäischem Kino (oder zumindest amerikanischem Independentfilm) von Vorteil, da das Script doch weit subtiler vorgeht, als man das vom Mainstream her gewöhnt ist. Wer leise Anspielungen gerne überhört sollte also einen Bogen um den Film machen.
Ebenso solche die an chronischer Lesefaulheit leiden. Synchronisiert sind nämlich lediglich die Textpassagen die im Original auf Englisch gesprochen wurden, die spanischen und französischen Teile sind nach wie vor im Original mit Untertiteln. Eine optimale Gelegenheit also um alte Fremdsprachenkenntnisse aufzufrischen
Fazit: La Science des rêves ist definitiv ein Film fürs Auge. Wer mit der extravaganten Bildsprache nicht klarkommt wird sich wahrscheinlich zu Tode langweilen, denn die Story selbst ist eigentlich kaum der Rede wert. Alle anderen werden aber voll auf ihre Kosten kommen, denn es macht einfach einen Heidenspaß Gondry zuzusehen wie er mit den verschiedensten Techniken jongliert und trotz minimalistischer Mittel ein solches Bilderfeuerwerk abbrennt. Abgerundet wird das Ganze durch die beiden Hauptdarsteller, die sichtlich Spaß an ihrer Arbeit haben.
Last but not least ist Science endlich mal wieder ein Film, der den Gang ins örtliche Programmkino lohnt und das kann euer Eintrittsgeld wirklich gut gebrauchen
Wertung: 8/10
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