The cake is a lie!
Portal
Design Kim Swift, Realm Lovejoy, Garret Rickey, et al.
Voice Acting: Ellen McLain
Aus aktuellem Anlass und weil mir gerade wieder langweilig ist, heute mal eine Game-Rezension.
Portal ist Teil der neuen Orange Box von Valve, die gestern über Steam released wurde und außerdem noch Half-Life², HL2: Episode One & Two, sowie Team Fortress 2 enthält. Das Team hinter Portal besteht ausschließlich aus Neulingen. Die ehemals unter dem Namen
Nuclear Monkey Software agierenden Programmierer und Designer lernten sich am renommierten DigiPen Institute kennen, eine der wenigen Hochschulen für Game Design, die diesen Namen wirklich verdienen. Ihr Abschlussprojekt aus dem Jahre 2005,
Narbacular Drop, ist ein 3D Puzzle Game in dem der Spieler sich durch labyrinthartige Levels bewegen und dabei allerlei Schalterpuzzles lösen muss. Die Besonderheit des Spiels bilden die sogenannten Portale. Mittels rechter und linker Maustaste kann der Spieler jeweils einen Ausgang eines Portals an eine beliebige Wand des Levels klatschen, um dann alle möglichen Sachen, inklusive des eigenen Avatars durch dieses Portal transportieren zu können. Ist ein wenig so wie beim letztjährigen First-Person-Shooter Highlight Prey, nur dass eben der Spieler mehr oder weniger selbst bestimmt wo die Portale zu stehen haben. Obgleich Narbacular Drop die typischen Macken von Studentenprojekten hat und mit seinen fünf Leveln auch nicht gerade umfangreich ist, war man bei Valve derart begeistert, dass man das komplette Nuclear Monkey Team vom Fleck weg engagierte. Ihr erstes Spiel für Valve transportiert die Spielidee vom ursprünglichen familienkompatiblen Fantasyszenario in eine düstere High Tech Welt.
Atmosphärisch fühlt man sich vom ersten Moment an Sci-Fi Filme à la Cube erinnert: Die Protagonistin erwacht in einer steril wirkenden Glaszelle umgeben von weißen Wänden. Eine Computerstimme erteilt ihr geduldig Anweisungen und hinter dem Milchglasfenster unter der Decke lassen sich die Umrisse eines Schreibtischs mit Computermonitor erahnen. Gelenkt von der stets unterkühlten Computerstimme absolviert man eine Reihe von perfiden Tests, ständig beobachtet durch die unablässig surrenden Kameras, die in Portal an jeder Ecke lauern. Was als simple Schalter- und Schieberätselei beginnt, entpuppt sich spätestens mit Entdeckung der Portal-Kanone als eines der innovativsten und unterhaltsamsten Puzzlespiele seit Langem.
Das ist vor allem dem hervorragenden Leveldesign zuzuschreiben, das spielerisch wie erzählerisch überzeugen kann. Durch den Einsatz der Portale entwickeln die Level dabei eine eigentümliche Dynamik, die zu mehrmaligem Durchspielen anspornt. Außerdem gelingt Portal das seltene Kunststück, die Puzzles wirklich in allen drei Raumdimensionen auszutragen. Das hat nichtmal Valves Half Life 2 so schön hinbekommen.
Auch wenn man es bei einer geschätzten Spielzeit von vier Stunden nicht erwarten würde, aber eine von Portals größten Stärken ist seine Story. Ist das ganze Versuchskaninchen-High-Tech-Labor-Szenario ist am Anfang noch eher amüsant, so bauen die zahlreichen fiesen Psychospielchen der zuerst noch so distanziert wirkenden Computerstimme schnell eine eigenartig bedrohliche Stimmung auf. Wenn man dann in späteren Levels auf hinterlassene Hinweise früherer Probanden stößt und die Experimente mehr und mehr zum tödlichen Spießroutenlauf werden, packt einen als Spieler auch schon mal leise Panik. Und spätestens wenn es dann zum grandios inszenierten Showdown geht, garantiert Portal für schweissnasse Maushände. Dabei wird Portal jedoch niemals zu hektisch und auch bei zeitkritischen Einlagen steht immer klar der Puzzleaspekt im Vordergrund. Erfreulich vor allem für diejenigen, die von den doch teils recht wüsten Schießorgien in Half Life etwas Abwechslung suchen.
Entlohnt wird man mit einem herrlich schrägen Abspann, der noch einmal den leichten Indietouch, der während des gesamten Spiels spürbar ist, unterstreicht. Bemerkenswert ist außerdem, dass Portal Teil des regulären Half Life Universums ist. Aufmerksame Spieler dürfen sich diesbezüglich auf den ein oder anderen Insidergag freuen.
Die geringe Spielzeit kann man Portal eigentlich nicht zum Vorwurf machen. Klar, gegen Portal ist sogar HL: Episode 1 ein Epos von übermenschlichen Ausmaßen, aber die Zeit in der man spielt könnte man eigentlich nicht besser ausfüllen. Vom Spannungsaufbau erinnert Portal zuweilen an einen Spielfilm.
Zudem bleibt zu hoffen, dass sich die stets aktive Moddingcommunity möglichst bald dem Spiel annimmt und zusätzliche Puzzles nachliefert. Ein entsprechendes Feature zum Importieren selbiger wurde bereits ab Release integriert.
Darüberhinaus sorgen diverse Zusatzchallenges à la "Löse das Puzzle mit weniger als 9 Portalen" und der bei Valve mittlerweile obligatorische und wie immer höchst spielenswerte Developer's Commentary für einige zusätzliche Stunden Spielspaß.
Von der technischen Seite gibts eigentlich nicht viel zu sagen. Portal nutzt die neueste Version von Half Lifes Source Engine und ist damit im Vergleich zu NextGen-Monstern à la Bioshock sehr genügsam was den Hardwarehunger angeht. Wer Half Life 2 flüssig spielen kann, braucht sich eigentlich keine Sorgen zu machen. Abgesehen von gelegentlichen enginetypischen Soundstotterern lief das Spiel bei mir absolut bugfrei und macht einen sehr ausgereiften Eindruck. Vor allem die saubere Umsetzung der Portale weiss zu überzeugen, aber immerhin liegt hier ja auch der Schlüsselaspekt des Spiels.
Besondere Erwähnung verdient Voice Actress Ellen McLain, deren Darbietung des sadistischen GLaDOS-Computers beinahe HAL-9000 Qualitäten hat.
Fazit: Wer hätte das gedacht, ausgerechnet das kleinste Spiel in der großen Orange Box setzt eine ganze Reihe neuer Standards und das nicht nur für Puzzlespiele. Eine innovative Idee, handwerklich nahezu makellos umgesetzt, garniert mit der besten Hintergrundgeschichte, die es dieses Jahr auf dem PC zu spielen gab (ja, das schliesst auch Bioshock ein). Portal steht irgendwo zwischen Casual und Serious Gaming, passt aber im Grunde in keine der beiden Kategorien. Für die kurze Spielzeit entschädigt die Aussicht auf baldigen Nachschub aus der Community und wenn man dem Developer's Commentary aufmerksam folgt, ist ein Sequel wohl schon in Planung.
Als Standalone Version ist Portal mit seinen 20$ ob der geringen Spielzeit nicht unbedingt ein Schnäppchen, im Bundle mit der Orange Box für 50$ dagegen schon eher.
Wie heisst es so schön: Wenn Sie dieses Jahr nur einen 3D-Puzzleshooter kaufen, nehmen Sie Portal!
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