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Welcome to the next level!



Inland Empire
Regie: David Lynch
Darsteller: Laura Dern, Jeremy Irons, Justin Theroux
INLAND EMPIRE bei IMDb


Die Leinwand ist dunkel, als der Bass bedrohlich anschwillt. Fast erwartet man, dass das THX-Logo erscheint, doch stattdessen taucht ein anderer grauer Schriftzug auf: INLAND EMPIRE heisst es da und man spürt, wie der Bass dieses seltsame Kribbeln in der Magengrube auslöst, das einem den Schweiss auf die Stirn treibt.

Schon diese ersten Sekunden des Films lassen unweigerlich Assoziationen mit Lynchs Erstling Eraserhead aufkommen. Damals benutzte Lynch die tiefen Töne auf der Tonspur um beim Publikum Unbehagen und Angstzustände auszulösen. Das gelingt ihm auch heute wie vor dreißig Jahren. Inland Empire (eigentlich komplett groß geschrieben, aber das sieht dann so nach Marktschreierei aus ;)) ist Lynchs erster Film seit Mulholland Dr., was immerhin schon sechs Jahre her ist. Zwischendrin hat Lynch vor allem experimentiert, er hat die Digitalkamera für sich entdeckt und eine surreale Sitcom über Menschen in Hasenkostümen gedreht, die auch in diesem Film eine nicht ganz unwichtige Rolle spielt.

Wer einen Lynch Film mit festen Erwartungen betritt wird meist bitter entäuscht. In Fire Walk With Me wurde nur andeutungsweise auf Dale Coopers Schicksal nach dem Besuch der schwarzen Hütte eingegangen, The Straight Story war oberflächlich betrachtet ein handlungsarmer und extrem langatmiger Streifen und über Lost Highway oder Wild at Heart muss man wohl gar nichts weiter sagen. Doch eines haben alle seine Filme gemeinsam: Wenn der erste Schock erst einmal überwunden ist und man sich auf das Spiel des Regisseurs einlässt wird man eigentlich nie enttäuscht.

Inland Empire bildet hier keine Ausnahme. Titel und Inhaltsangabe suggerieren eine Fortsetzung von Mulholland Dr., formal aber ist der Film ganz klar am nächsten an Eraserhead, jenem Film, den Lynch in jungen Jahren, mit von Freunden und der AFI geborgtem Minimalbudget so beharrlich drehte. Das erste was einem nämlich ins Auge springt, ist die digitale Handkamera, traditionell in diesen Tagen ein Werkzeug der jungen Filmstudenten. Zugegeben, Lynch ist kein Lars von Trier, seine Kameraarbeit, die mangelnde Tiefenschärfe wird durch extreme Nahaufnahmen kaschiert, ist gerade in der ersten halben Stunde enorm gewöhnungsbedürftig. Die grobkörnigen Bilder wirken sehr untypisch für Lynch und fast hat man das Gefühl, dass die Bilder nicht richtig funktionieren, bis einem wieder einfällt, dass man ja in einem Lynch-Film sitzt und das ganze in Wahrheit nichts weiter als ein radikales Stilmittel ist.

Nach den verwirrenden, aber durchaus eindringlichen Bildern der ersten Minuten und einem Ausflug ins Hasenzimmer, nimmt die Geschichte plötzlich an Fahrt auf. Man erfährt, dass die Protagonistin die Hauptrolle in einem Hollywoodfilm spielen soll, der in Wahrheit das Remake eines europäischen Films ist, der nie vollendet wurde, da die Hauptdarsteller vor Drehschluss ums Leben kamen, ermordet. Eine sich anbahnende Affäre mit dem männlichen Hauptdarsteller des Films, der unheilsschwanger mit Justin Theroux besetzt wurde, und Andeutungen über die rasende Eifersucht des Ehemanns der Protagonistin lassen Schlimmes erahnen... Doch soweit kommt es erst gar nicht.

Wo Mulholland Dr. sich einen Spaß daraus machte, zwei Stunden lang eine komplexe Handlung aufzubauen, um dann in den letzten zwanzig Minuten genüsslich alles kurz und klein zu schlagen, sind bei Inland Empire die Zeitverhältnisse genau umgekehrt. Nach etwa einer halben Stunde wirft Lynch alle Konventionen über Bord und setzt zu einer Achterbahnfahrt an, die selbst gestandene Fans des Regisseurs ins Schwitzen bringen wird.
Inland Empire kann es nämlich nicht nur von der Lauflänge mit Eraserhead und Lost Highway gleichzeitig aufnehmen, sondern darüberhinaus auch vom Verwirrungsfaktor des Publikums. Der Hasenraum war erst der Anfang!

Zugegeben, gerade beim ersten Anschauen ist das oft etwas zu viel. Lynchs Filme sind eigentlich immer erst richtig gut wenn man sie zum dritten Mal sieht und so langsam die vielen kleinen Details bemerkt, für die man vorher schlicht zu festgefahren war. Und auch Inland Empire entfaltet seine Wirkung schleichend. Erst einige Tage nach dem Kinobesuch, wenn sich die eingebrannten Bilder ihren Weg ins Bewusstsein fressen und man beginnt, länger über den Film nachzudenken stellt es sich wieder ein, dieses Lynch-Gefühl, eine Obsession wie sie wohl derzeit kein anderer amerikanischer Regisseur wecken kann. Plötzlich ist man dankbar für die kryptische Bildsprache, den rätselhaften Erzählstil und, ja, sogar für die Digitalkamera ^_^
Inland Empire ist Lynch in Reinkultur, konzentriert, klar und unverfälscht wie keiner seiner Filme seit Eraserhead. Und darin liegt zugleich die größte Stärke und die größte Schwäche des Films.

Denn als Einstieg in die Welt des David Lynch ist Inland Empire leider denkbar ungeeignet. Ich erinnere mich noch an meinen ersten Lynch-Film (wenn man von Dune absieht), Lost Highway. Ich mochte ihn damals nicht. Er war einfach nur kryptisch bis zum Umfallen und ich habe kein Wort verstanden. Die Bilder waren interessant und einige gute One-Liner à la "Geben Sie mir mein Telefon zurück" waren auch zu finden, aber letztlich blieb mir der Rummel um diesen Film unerklärlich. Das änderte sich auch erst einige Jahre später, als ich ihn zum zweiten Mal sah. Doch in der Zwischenzeit hatte ich Blue Velvet gesehen und plötzlich fing das alles an einen Sinn zu ergeben. Aber so läuft das bei Lynch eben, The Straight Story ist zweifellos einer der besten Filme der letzten zwanzig Jahre, aber um das einzusehen muss man eben *alle* vorigen Filme von Lynch gesehen haben, sonst bleibt es einfach ein Film über einen Kerl, der auf einem Rasenmäher durch Amerika zieht. Es ist ein wenig wie in einem Videospiel, nur wer die niedrigen Level bereits hinter sich gebracht hat, hat auch eine reelle Chance den Endgegner zu bezwingen.
Bei Inland Empire ist es nicht anders. Eraserhead, Blue Velvet, Twin Peaks, Lost Highway und Mulholland Dr. bilden die Grundlage, das Fundament auf dem Inland Empire aufgebaut ist. Und jeder dieser Filme trägt seinen eigenen Teil bei, spiegelt sich irgendwo wieder, stellt ein weiteres Stück im großen Puzzle zur Verfügung. Und Inland Empire ist ein verdammtes 5000-Teile Puzzle.

Aber genug zum Inhalt, besetzungstechnisch ist Inland Empire nämlich auch nicht schlecht. Laura Dern liefert eine furiose One-Woman-Show und bildet das schauspielerische Rückgrat des Films. Jeremy Irons überzeugt als exzentrischer Regisseur und bei seinem Anblick fiel mir oft nur noch ein: "Spielt es nicht realistisch... Es sei denn es wird realistisch!" ;)
Gewürzt wird das Ganze mit einer Serie an ZOMFG-Cameos, unter anderem von Grace Zabriskie, Julia Ormond, Harry Dean Stanton (als pseudo-abgebrühter Regieassistent), Naomi Watts (im Hasenkostüm ;)) und Laura Harring, einmal ebenfalls im Hasenkostüm, aber auch im Abspann als "Herself", mit dem definitiv laszivsten Blick des Jahrzehnts, der Cineasten noch bis in die dunkelsten Träume verfolgt.

Die Kamera, größtenteils von Lynch selbst geführt, ist, wie gesagt, sehr ungewöhnlich. Gerade in den sehr hellen Anfangssequenzen fällt die mangelnde Auflösung der digitalen Bilder extrem auf, insbesondere wenn man die Hochglanzoptik eines Mulholland Dr. erwartet hat. Die Vorzüge dieser Technik offenbaren sich im weiteren Verlauf des Films, wenn die Zusammenhänge zwischen Form und Inhalt klarer werden.

Der Soundtrack ist absolut atemberaubend. Von der bereits erwähnten Eröffnungssequenz, über die verstörenden Hintergrundgeräusche, bis hin zu Musicaleinlagen (C'mon Baby, do the locomotion!). Es gibt keinen Original Score, weshalb man Angelo Badalamenti in den Credits leider vergeblich sucht, aber dennoch: Die wenigen Stellen wo der Soundtrack einsetzt trifft er eigentlich immer ins Schwarze. Ein Tipp für alle geneigten Kinogänger: Auf jeden Fall ein Kino mit verlässlicher Akustik besuchen! Eine vernünftig eingestellte Anlage erhöht den Effekt des Films um ein Vielfaches, aber die ungewöhnlichen Arrangements werden wohl so manchen Vorführer zur Verzweiflung treiben.


Fazit: Was soll man sagen. Inland Empire ist in jeder Hinsicht ein echter Lynch geworden, im guten wie im schlechten Sinn. Ganz klar, wer den Regisseur bisher nicht kannte oder nicht mochte, wird durch Inland Empire mit Sicherheit nicht überzeugt werden können.
Schenkt man dem Film aber die ihm gebürende Aufmerksamkeit, gleicht er einer Offenbarung, der ultimative Mindfuck. Ob man sich die Mühe machen will, muss aber jeder für sich entscheiden. Letztlich umschreibt ihn nur die Punchline der fiktiven Twin Peaks-Hommage eines bekannten finnischen Computerspiels passend:
Welcome to the next level!


Wertung: 6/10



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