Oh, "come on," my ass!
Death Proof
Regie: Quentin Tarantino
Darsteller: Kurt Russel, Rossario Dawson, Vanesse Ferlito, Zoë Bell
Death Proof bei IMDb
Grindhouse bei IMDb
Zunächst einmal: Es war nicht einfach diesen Film zu sehen. Genau gesagt ging bei mir der gesamte gestrige Tag dafür drauf. Es trug sich nämlich zu, dass nach knapp eineinhalb Stunden Spielzeit im Cinema die Hardware zusammenbrach und man das verdutzte Publikum nach der Hälfte des Films gegen Erstattung des Eintrittspreises nach Hause schickte. Da euer aller Lieblingsthau aber nicht auf die Pointe der Breakfast Scene verzichten wollte (unverschämt ungünstiger Zeitpunkt für einen Filmriss), wurde flugs das nächste Kino ausgemacht, das den Film in OV zeigt und der Film dort noch einmal in voller Länge genossen. Zugegeben, so etwas hätte zu keinem passenderen Film passieren können...
Death Proof ist der Recut einer Hälfte von Grindhouse, einer Joint-Venture Hommage von Tarantino, Rodriguez, et al. an das amerikanische Trashkino, das bereits in früheren Werken des Duos ausgiebig zitiert wurde. Mit dem Ziel die Atmosphäre der alten Schmuddelkinos ins 21. Jahrhundert zu retten, schuf man einen wahren Mikrokosmos aus fiktiven Trailern und Werbespots, schnürte das ganze Paket zu einem fiktiven "Double Feature" und brachte es als 190 Minüter in die nordamerikanischen Kinos. Besonders erfolgreich waren sie damit erwartungsgemäß nicht, weshalb wir Europäer jetzt in den Genuss der zwei umgeschnittenen, dafür aber längeren Einzelfilme kommen. Rodriguez Beitrag
Planet Terror ist leider erst für den Oktober angekündigt. Das durchaus sehenswerte Füllmaterial gibt es derweil bei YouTube zu bestaunen.
Death Proof ist sicherlich die prestigeträchtigere Hälfte, nicht zuletzt weil groß als "Der neue Tarantino!!elfeins" angekündigt. Insofern stellt sich natürlich die Frage: Ist er besser als Reservoir Dogs, Pulp Fiction, Jackie Brown, Kill Bill 1/2?
Ja. Auch wenn es einiges an Vorkenntnissen erfordert das einzusehen...
War Kill Bill in erster Linie ein Film über Filme, so ist Death Proof eindeutig ein Film übers Kino. Dies ist kein Film den man sich auf DVD kaufen wird und selbst wenn, wird man ihn sich sicherlich nicht so oft ansehen wie Tarantinos frühere Werke. Auf VHS vielleicht, aber niemals DVD...
Wie bereits erwähnt ist das oberste Ziel des Films die Atmosphäre des Grindhousekinos wiederzubeleben. Im ersten Drittel fällt das vor allem durch die künstlich eingebauten technischen Unzulänglichkeiten auf: Verrauschte Bilder, knisternder Ton und fehlplatzierte Schnitte lassen Nostalgie aufkommen, es fehlt einzig der simulierte Filmriss (Danke, Cinema München!

). Darüberhinaus wird ausnahmslos
jedes Gesetz im kleinen Einmaleins des Filmemachens mindestens einmal gebrochen.
Die Story ist zumindest oberflächlich trash at its best, garniert mit messerscharfen Dialogen, wie sie in Amerika derzeit einzig Tarantino schreiben kann (okay, und Kushner, wenn er gute Laune hat

) und natürlich einer buchstäblichen Lastwagenladung an Zitaten, Selbstzitaten und Cameos, von denen selbst gestandene Cineasten allenfalls die Hälfte verstehen. Aus eigener Erfahrung kann ich auch jedem nur empfehlen den Film mindestens zweimal zu sehen, es ist unglaublich, was man beim erstmaligen Ansehen alles versäumt. Die Bandbreite der Anspielungen beschränkt sich dabei keineswegs auf Exploitation. Natürlich ist asiatisches Kino bei Tarantino immer ein Thema (Ain't it, Zatoichi?) und selbst eine Referenz an den Österreicher Michael Haneke kann man entdecken, womit im Übrigen die gesamte obligatorische Diskussion über die exzessive Gewaltdarstellung im Film in nur *einer* Einstellung abgehakt wird. Das soll ihm erstmal einer nachmachen...
Grundsätzlich gilt die Faustregel: Wer immer brav Donnerstags die arte Trash-Nacht mitverfolgt hat, wird gute Chancen haben, sich schnell heimisch zu fühlen.
Und natürlich gießt es auch wieder Selbstreferenzen wie aus Eimern. Ob Big Kahuna Burger, Son No. 1 oder die eingangs erwähnte Breakfast Szene, Déjà Vus bietet der Film in einem Maß, wie sonst nur die x-te Wiederholung von Groundhog Day.
Das Skript erinnert durch seinen symmetrischen Aufbau gleichermaßen an Kurosawa wie Tykwer, wobei Tarantinos Faible für narratives Kino wieder dominiert. Typisch für seine Filme sind es auch hier vor allem die kleinen "Parabeln in der Parabel", die dem Skript Tiefe verleihen.
Besetzungstechnisch sei zunächst Kurt Russel erwähnt, der hier als eine Art Snake Plissken Reloaded auftritt und die beste Performance seit Jahren abliefert. Abgesehen von ihm ist das Cast fast ausschließlich weiblich, was bei Tarantino ja eigentlich nur Gutes verheißen kann. Neben Rossario "Sin City" Dawson dürfte hierzulande wahrscheinlich einzig noch Rose McGowan ein Begriff sein. Veronica Mars Fans freuen sich auf ein Wiedersehen mit Sydney Tamiia Poitier (Tochter von Schauspiellegende Sidney Poitier) und Vanessa Ferlito's Lap Dance topt selbst Thurman/Travolta beim Jack Rabbit's Slim Twist Contest. Und wie auch damals gilt: Wenn's am Schönsten ist, soll man aufhören

Außerdem erwähnenswert ist Zoë Bell, im wahren Leben wie im Film Stuntdouble, deren neuseeländischer Akzent so gorram sexy ist, dass sie allein schon den Gang in die OV rechtfertigt.
Beim Soundtrack hat sich Tarantino mal wieder selbst übertroffen. Es ist einfach unglaublich, was dieser Mann alles in seiner Plattensammlung stehen hat... Hier ist jeder Beat ein Hammerschlag, jeder Song ein Volltreffer. Selten konnte man einen perfekteren Soundtrack in einem Film genießen.
Aber auch sonst meistert der Film den unglaublichen Balanceakt, künstlichen Dilettantismus zur neuen Kunstform zu erheben bravourös. Der Showdown wartet obendrein mit der brilliantesten Actionsequenz auf, die es seit langer Zeit im Kino zu sehen gab. Tarantino choregraphiert seine Autoverfolgungsjagden wie einen Kung-Fu Fight, die Kamera schafft es irgendwie immer genau richtig zu stehen, der Schnitt ist so verdammt genial, dass man weinen möchte. Hier offenbart sich endlich wieder Tarantinos unverschämt gigantisches Talent. Wie kaum ein anderer Regisseur versteht er es, so perfekt die verschiedenen Aspekte des Mediums aufeinander abzustimmen.
Fazit: Death Proof ist ein Film für Cineasten. Handwerklich perfekt, ohne überflüssige Effekthascherei, dafür aber mit einer hochgradig eigensinnigen Dramaturgie und einem verboten guten Drehbuch ausgestattet, macht der Film einfach alles richtig. Tarantinos verschrobener, aber liebenswerter Stil rundet das Konzept perfekt ab und beschert uns einen Film, wie es ihn eigentlich nicht mehr geben dürfte. Wenn Tarantino sich überhaupt einen Vorwurf machen lassen muss, dann dass sein Film nicht zeitgemäß ist. Und das kann ja eigentlich nur als Kompliment zu verstehen sein...
Wertung: 10/10
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