Einen Kirschkuchen haben die... sagenhaft!
My Blueberry Nights
Regie: Wong Kar-Wai
Darsteller: Norah Jones, Jude Law, Rachel Weisz, Natalie Portman
My Blueberry Nights bei IMDb
My Blueberry Nights heisst der neueste Film von Wong Kar-Wai, der letztes Jahr als
Eröffnungsbeitrag bei den Filmfestspielen von Cannes lief. Jetzt endlich läuft er auch regulär
bei uns in den Kinos an und man muss sagen: Das Warten hat sich gelohnt.
Wong Kar-Wai ist in seiner Heimat Hongkong seit Langem eine feste Größe in Sachen Film, der bereits in
den frühen 90ern mit Stars wie dem mittlerweile tragisch verstorbenen Leslie Cheung oder Andy Lau
drehte. In unseren Breiten wurde er einem breiteren Publikum vor allem durch Quentin Tarantino
zugänglich gemacht, der fleißig für Wongs
Chungking Express warb - ein Film der eigentlich
nur als kleines Projekt zwischendurch gedacht war, aber letztlich Wongs internationalen Durchbruch
ermöglichte.
Chungking Express erzählt seine Handlung in Episoden, deren einzige
Überschneidungspunkte jene flimmernden Zwischenwelten der urbanen Imbissbuden und Bars sind. Orte also,
an denen Menschen sich oft nur aus Notwendigkeit oder Gewohnheit aufhalten, ohne ihnen größere Bedeutung
zuzumessen.
My Blueberry Nights greift dieses Thema wieder auf, aber statt der Suppenküchen des
nächtlichen Hongkongs entführt Wong den Zuschauer diesmal in amerikanische Diners, Cafes und Bars. Wer Wong
kennt, wird jetzt sicher stutzen, immerhin leben fast alle seiner Filme davon, dass sie in Hongkong spielen.
Das Land und seine kulturellen wie politischen Besonderheiten sind ein zentrales Thema bei Wong und oft ist die
Handlung über weite Strecken überhaupt nur schlüssig, wenn man weiss, dass der Film in Hongkong spielt. Die
Frage der sich
My Blueberry Nights also vor allem stellen muss, lautet: Kann man einen Wong Kar-Wai Film
überhaupt in Amerika drehen?
Man kann
Der vordergründige Plot ist dabei, wie schon in
Chungking Express, lediglich der Rahmen für ein Feuerwerk
an kleinen Anekdoten und Geschichtchen, die den eigentlichen Reiz des Films ausmachen. Gefilmt wurde das Ganze
von Darius Khondji, der vor allem durch seine Arbeiten mit David Fincher (
Se7en,
Panic Rooom) im
Gedächtnis geblieben sein dürfte. Wongs Haus- und Hofkameramann Christopher Doyle, dessen Bildsprache
mittlerweile vielerorts als Synonym für das Hongkong-Kino gilt, macht Pause. Das Ergebnis sind klarere und
unverfälschtere Bilder als man sie von Wong gewohnt ist. Bilder, die zwar nicht ganz Doyles Rafinesse entfalten,
aber schnell ihren eigenen Reiz entwickeln und den Kontrast, der durch den Ortswechsel nach Amerika entsteht,
unterstreichen. Kameraführung und Schnitt lassen dennoch keinen Zweifel aufkommen, dass es sich hierbei um einen
Wong Kar-Wai Film handelt. Das eigentümliche Amalgam aus westlichen und östlichen Filmkonventionen ist vor allem
für Asia-Filmfans überaus reizvoll.
Das Drehbuch von Blueberry Nights ist weit weniger abstrakt ausgefallen als bei Wongs letztem Film,
2046,
der mit seiner beeindruckenden, aber anspruchsvollen Bildsprache und der undurchsichtigen Handlung viele
Kinogänger überforderte. In Blueberry Nights kehrt Wong zu seinen Wurzeln zurück und benutzt vor allem
Erzähltechniken, mit denen er Ende der 90er international bekannt wurde: Messerscharfe Dialoge, kluge Parabeln
und verträumte Offkommentare der Hauptfiguren. Bis auf zwei kleine Ausnahmen gelingt ihm das auch wieder derart
meisterhaft, dass gerade Fans seiner 90er-Jahre Filme sich schnell mit Blueberry Nights anfreunden werden.
Die Hauptrolle des Films spielt Norah Jones, der die Rolle auf den Leib geschrieben wurde. Wer Wong kennt wird
wissen, dass die Tatsache, dass eine Sängerin die weibliche Hauptrolle spielt, eigentlich nur Gutes verheissen
kann

Norah Jones liefert ein durchweg überzeugendes Debüt, als Zuschauer
schliesst man die Hauptfigur rasch ins Herz und fühlt und leidet mit ihr. Ihr männlicher Counterpart ist Jude
Law, der hier endlichendlichendlich mal wieder einen grundsympathischen Charakter spielen darf. Die Nebenrollen
sind ebenfalls exzellent besetzt, neben dem eher unscheinbaren David Strathairn geben sich Natalie Portman und
Rachel Weisz die Ehre. Erfreulich ist auch, dass fast alle Schauspieler Rollen spielen, die nicht ihrem üblichen
Rollenprofil entsprechen, was Cineasten ja immer besonders gerne sehen
Wenn man seine Hauptrolle mit einer Jazzsängerin besetzt, weckt das natürlich hohe Erwartungen an den Soundtrack,
denen der Film voll und ganz gerecht wird. Als erklärter Nat King Cole-Fan hat Wong einen angenehm lässigen und
bunten Soundtrack zusammengestellt der sofort ins Ohr geht und für aufmerksame Zuschauer außerdem die ein oder
andere Überraschung bereithält.
Fazit:
My Blueberry Nights ist der ideale Start ins neue Kinojahr für alle Oldschool-Wong Fans und
solche, die es werden wollen. Ein tolles Drehbuch, souverän inszeniert und erstklassig besetzt, dazu ein
Soundtrack mit Ohrwurmgarantie, mehr kann man fürs Eintrittsgeld nicht verlangen. Im Gegensatz zum abstrakten
Vorgänger
2046 wirkt Wongs neuester Film außerdem sehr viel geradliniger und kann damit auch Leuten, die
sonst eher einen Bogen um Festivalfilme machen guten Gewissens empfohlen werden.
Mehr Kuchen für alle!
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