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Ein Hauch Candide...



99 francs
Regie: Jan Kounen
Darsteller: Jean Dujardin, Vahina Giocante, Jocelyn Quivrin
99 francs bei IMDb


99 francs, zu deutsch: 39,90 (fragt gar nicht erst), ist der neueste Film von Jan Kounen, frankophilen Kinogängern vielleicht noch bekannt durch seine nicht unumstrittene Blueberry-Verfilmung aus dem Jahre 2004. Wo jener aber noch guten Gewissens als leicht abgehobener Mainstream bezeichnet werden konnte, drängt 99 francs mit wesentlich weniger Prominenz, dafür aber umso innovativeren Ideen, doch deutlich in die Arthaus-Ecke. Schlecht ist das freilich nicht...

Der Film erzählt die Geschichte von Octave Parango, seines Zeichens Kreativer bei der großen französischen Werbeagentur, dessen Aufgabe nach eigener Aussage darin besteht, unsere geheimsten Wünsche und Sehnsüchte zu bestimmen. Kein verantwortungsloser Idiot hatte in den letzten 2000 Jahren so viel Macht wie ich, so beschreibt er seine Arbeit. Octave und sein Umfeld sind dabei das, was man critically hip nennen könnte. Er kennt nicht nur die Trends, er macht die Trends, lebt und atmet sie. Sein Büro ziert ein alter NeoGeo-Automat, getrunken wird Dr. Pepper und vielleicht ab und zu mal eine Pepsi, der Roller ist das Verkehrsmittel der Wahl für die Pariser Innenstadt und über seine Kleiderauswahl brauchen wir gar nicht erst reden. Doch unter dieser Fassade ist Octave so leer, wie die Werbung, die er tagtäglich neu erschafft. Sein Leben wird bestimmt durch Oberflächlichkeiten.

An dieser Stelle dürfte bereits klar sein, wohin die Reise geht: Konsumkritik, Selbstfindung, Gesellschaftskritik - das volle Programm eben. Das Beeindruckende an 99 francs ist, wie diese, zugegeben etwas ausgelutschte, Idee verkauft wird, nämlich mit den Mitteln der Werbung!
Subversion durch Affirmation lautet das Stichwort - um die Welt der Werbung verstehen und schließlich demontieren zu können, wird der Film selbst zum überdimensionierten Werbeclip: Expressionistisch angehauchte, an Parfumreklame erinnernde Zwischentitel teilen den Film in einzelne Kapitel; eine Begegnung im Fahrstuhl wird erzählt in extremen Nahaufnahmen, langsamen Kamerafahrten und schwarz-weissen Bildern; das Meeting im absurd barocken Hauptsitz eines großen Milchprodukteherstellers überrascht mit videoclipartigen Schnittsequenzen. Dabei gelingt Kounen das bemerkenswerte Kunststück, trotz aller abstrakten Ästhetik im wilden Wechsel der filmischen Mittel, den Inhalt nicht aus den Augen zu verlieren. Im Gegensatz zu Werken wie Reggios Koyaanisqatsi ist 99 francs klug, ohne dabei anstrengend zu werden; Anders als Frankel's Devil Wears Prada, amüsant, ohne banal zu sein.

Handwerklich präsentiert der Film sich entsprechend anspruchsvoll. Die pure Vielzahl an Techniken und Stilen ist beeindruckend, die makellose Inszenierung macht den Film zum Fest für jeden Fan visueller Exzesse. Dabei wird eines schnell klar: Die Ästhetik der Werbung ist immer notwendigerweise eine künstliche, und für uns überhaupt nur als solche erkennbar, weil wir seit frühester Kindheit mit ihr konfrontiert werden. Werbung ist Pop, Werbung ist Mode.
Daneben wildert der Film auch in anderen Gefilden: In bester Fincher-Manier präsentiert Octave den Inhalt seines Kleiderschranks in Form von eingeblendeten Katalogzeilen, die wie unsichtbare Post-Its an den Produkten kleben; Wenn er vom Bruch mit seiner Freundin erzählt läuft im Hintergrund der Soundtrack von Wongs In The Mood for Love, später hören wir in ähnlichem Zusammenhang den Walzer aus Kubricks Eyes Wide Shut. Werbung ist Intertextualität, Werbung ist Selbstreferenz.
Um das volle Ausmaß der Absurdität von Werbung zu zeigen, nutzt Kounen die Brechtsche Verfremdung: Etwa wenn Octave in einen Schokoladenwerbespot aus seiner Kindheit stolpert und die dort agierenden Figuren mit ihrer eigenen Schemenhaftigkeit konfrontiert; oder wenn plötzlich ein falscher Abspann über die Leinwand flimmert. Werbung ist Illusion, Werbung ist Täuschung.
Und letztlich das allgegenwärtige Appellieren an die Urinstinkte, das unerträgliche Anbiedern einer Branche, die gerne Sex wäre, aber doch nichts weiter ist als Masturbation.

Durch diesen Ansatz ergibt sich natürlich das ein oder andere Problem. Wenn man die Botschaft des Films ernst nimmt, ergo die Künstlichkeit und Banalität der Werbung erkennt, wird der Film, der ja selbst nur durch diese Künstlichkeit funktioniert, dadurch nicht auch banalisiert? Wie man sieht, es lohnt sich den Film mit einer kleineren Gruppe zu besuchen, für reichlich Diskussionsstoff nach dem Kinobesuch wäre dann auf jeden Fall schonmal gesorgt.
Letztlich überwindet Kounen dieses Dilemma, indem er die Grenze zwischen Form und Inhalt immer weiter verwischt, bis schließlich die erzählte Geschichte mit immer absurderen Twists und Wendungen zum Schmierentheater eskaliert, und der Film seine Botschaft ausschliesslich über den ironischen Kontext der Form aufrecht erhält, bis er sich schließlich in seinem eigenen Anfang wiederfindet. Es ist ein Zitat aus Voltaires Candide, in dem sich der Kreis letztlich schliesst: Willkommen in der Besten aller Welten!

Fazit: Wegen solcher Filme erschuf Gott die Programmkinos. 99 francs ist ein intelligenter, hochgradig amüsanter Film, der in gleichem Maße unterhält wie zum Nachdenken anregt. Die kleineren Durchhänger im Drehbuch werden durch die abwechslungsreiche Bildsprache erfolgreich kaschiert, so dass es während der gut 100 Minuten Lauflänge kaum Leerlauf gibt. Darüberhinaus laden zahlreiche versteckte Anspielungen den kundigen Zuschauer zum Schmunzeln ein. Und die Synchronisation ist zur Abwechslung auch mal richtig gut geworden.
Um es kurz zu machen: Kein Film hat mir in diesem Jahr bisher so viel Spaß gemacht wie 99 francs, also wenn er in einem Kino in Eurer Nähe läuft und ihr nicht gerade eine chronische Abneigung gegen filmischen Wildwuchs habt: Anschauen!


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